Spezialeffekte, eine kleine Geschichtskunde
Spezialeffekte («Specials Effects») sind Techniken, mit denen am Bildschirm eine Handlung oder Situation in folgenden drei typischen Fällen simuliert werden kann:
- Die Szene ist zu teuer zum Filmen
- Die Szene ist zu gefährlich zum Drehen
- Es ist unmöglich, die Szene zu filmen
Beispiele: 60.000 Statisten für eine Schlachtszene zusammenbringen, das Kolosseum rekonstruieren oder das Duell zwischen einem Schauspieler und einem Raubtier zeigen. Mit den Spezialeffekten kann man billiger und ungefährlicher das gleiche Ergebnis erreichen. Dank Trickaufnahmen werden eigentlich unmögliche «Live»-Bilder möglich: ein Flugzeugabsturz, die Zerstörung eines Denkmals, Monster und Kreaturen, Raumschiffe, paranormale Phänomene usw.
Der erste Spezialeffekt in der Geschichte des Kinos war bereits eine «unmögliche» Szene: 1895 sah man in The Execution of Mary, Queen of Scots, wie die Königin zum Schafott geht und enthauptet wird. Der Regisseur hielt die Kamera an, um die Schauspielerin für die Enthauptung durch eine Puppe zu ersetzen. Damit hielten die magischen Spezialeffekte aus Theater und Zauberei auch in der Filmwelt Einzug.
Die Filmemacher merkten rasch, dass es sinnlos war, teure Kulissen zu erstellen, um ein ganzes Gebäude darzustellen, wenn die meisten Szenen nur den untersten Teil zeigten. Wurde der Rest der Kulisse gemalt, erhielt man mit kleinem finanziellem Aufwand die Illusion eines weiten Raums. Diese Kunst nennt sich Matte Painting. Das Matte Painting brachte so starke Bilder wie das mythische Xanadu in Citizen Kane, das Haus auf der Klippe in North by Northwest, den riesigen Hangar am Ende von Indiana Jones and the Raiders of the Lost Ark oder die futuristischen Landschaften der ersten Star Wars-Trilogie hervor.
Wenn die Malerei nicht mehr ausreichte, um ein realistisches Ergebnis zu erzielen, benutzten die Filmemacher eine andere zentrale Technik der Spezialeffekte: die Modelle. In seiner Voyage dans la lune (1902) setzte der Pionier der Spezialeffekte George Méliès eine Miniatur ein, um zu zeigen, wie die Erdrakete sich in das «Auge» des Mondes bohrte, ein Bild, das um die Welt ging.
Mit dem Einzug des Tons im Kino 1927 machten die Spezialeffekte einen ersten grossen Sprung. Nun mussten die Filmemacher auch den Ton zu den Bildern aufnehmen, und da die meisten Filme im Freien gedreht wurden, gab es Probleme wegen der störenden Lärmquellen. Einzige Lösung: Soviel wie möglich im Studio filmen und dann mit den Spezialeffekten eine Handlung im Freien simulieren. Damit begann das goldene Zeitalter der Rückprojektion, einer berühmten Technik, bei der die Bilder aus freier Natur hinter die im Studio gefilmten Schauspieler projiziert wurden. Zahlreiche Szenen mit Autos, Schiffen, Flugzeugen usw. wurden so gefilmt.
Die andere grosse Zeit der «klassischen» Spezialeffekte war der Zweite Weltkrieg. Um die Moral der Bevölkerung hoch zu halten, produzierte Hollywood Dutzende von Kriegsfilmen, welche die heroischen Taten unerschrockener Piloten oder heldenhafter Matrosen in Szene setzten. Diese Heldentaten wurden oft mit Hilfe von ausgefeilten Miniaturen realisiert. Die Technik wurde mit dem goldenen Zeitalter der Science Fiction in den 50er Jahren weiter perfektioniert. Filme wie The War of Worlds (1953), Forbidden Planet (1956) oder The Incredible Shrinking Man (1957) reizten das Genre bis zu seinen Grenzen aus. Bis zu 2001 A Space Odyssey blieben sie die Referenzwerke für Spezialeffekte. Das Raumschiffepos von Stanley Kubrick, das 1968 entstand, hatte die Wirkung einer Bombe. Noch heute, im digitalen Zeitalter, schaffen die Spezialeffekte des Films eine perfekte Illusion. Ein Exploit, der dem Perfektionismus von Kubrick zu verdanken ist.
Die Industrie der Spezialeffekte machte bis in die 1960er Jahre Fortschritte ohne wirkliche Innovation. Anschliessend kam es jedoch zu einem Umbruch: Die Regisseure der neuen Welle, die im Freien drehten, brauchten keine Kunstgriffe mehr, um die Realität wiederzugeben.
Als George Lucas 1976 mit den Dreharbeiten zum ersten Star Wars begann, befand er sich in einer technologischen Wüste. Er war gezwungen, die Kunst der Spezialeffekte zu erneuern und schuf deshalb mit seinem Team eine ganze Reihe von Innovationen. Sein Studio produzierte Techniken, welche die Branche revolutionierten und noch heute eingesetzt werden.
Im Lauf der 1990er Jahre setzte sich dann der Computer im Alltag durch und wurde mehr und mehr auch zum Bildbearbeitungsmedium. 1993 sah die ganze Welt in Jurassic Park, dass man mit dem Computer genauso viel erreichen konnte wie mit der Kamera. Seither haben die digitalen Bearbeitungen im Kino massiv zugenommen: Schaffung von hyperrealistischen Kulissen und Landschaften, Animation von virtuellen Figuren, Entfernung unerwünschter Elemente und – vor allem – die Möglichkeit, ein Bild in der Postproduktion zu verändern. Mehr denn je tragen heute die Spezialeffekte zur Magie des Kinos bei.
Der vollständige Originaltext ist auf der französischen Version der Website verfügbar.