Das Videospiel und seine Beziehung zum Kino und zur Schweiz
Das Kino
Als die Videospiele Ende der 1970er Jahre mit Pong, Space Invaders und Pac-Man aufkamen, liessen sie sich sehr rasch vom Kino inspirieren, besonders von Science-Fiction-Filmen. Bald einmal wurden die Welten von Star Wars, Tron, Star Trek oder Indiana Jones und James Bond in die Spiele übertragen. Die Spieler mussten allerdings eine gewisse Fantasie an den Tag legen, um einen Zusammenhang zwischen den groben Pixels der ersten Konsolen und dem Film, den sie darstellen sollten, zu erkennen. Heute ist es praktisch zu einer festen Regel der Unterhaltungsindustrie geworden, dass zusammen mit einem High-Budget-Film auch ein Videospiel herauskommt. Dank den immer stärkeren Spielkonsolen und Computern sind inzwischen fast filmmässige Video-Erlebnisse möglich; die Spieler sehen eine Umgebung, die jener auf der Kinoleinwand sehr nahe kommt. Die Fantasie, die es zu Beginn brauchte, hat der Suche nach optischer Authentizität Platz gemacht, was den Spielern heute die Möglichkeit eröffnet, die Filmwelt in einer Art neuem Zugang zum Spielfilm von einer anderen Seite her zu betrachten.
Es brauchte zwei Jahrzehnte, bis sich die Verhältnisse umkehrten, das heisst Filme sich von Videospielen inspirieren liessen. War schon der Versuch in den 90er Jahren, die besten Szenen eines Actionsfilms in ein Arcade-Spiel zu bringen, ein gewagtes Unternehmen, so war die Idee, einen Spielfilm auf der Grundlage des schnauzbärtigen Super Mario Bros (1993) oder von Kampfspielfiguren (Street Fighter 1994, Mortal Kombat 1995 und 1997) zu drehen, bis heute nicht von grossem Erfolg gekrönt. Trotzdem versuchen sich Regisseure immer wieder an dieser Aufgabe. Das Rezept ist einfach: Man nehme die erfolgreichsten Videospiele und mache aus den virtuellen Helden Personen aus Fleisch und Blut, wie bei Lara Croft (Tomb Raider 2001 und 2003) oder den Protagonisten der Resident Evil (3 Filme 2002, 2004 und 2007).
Die Videospiele entwickeln sich laufend und in hohem Tempo weiter, womit die Gestalter sich immer wieder neuen Bedingungen anpassen müssen, ähnlich wie damals, als im Kino Ton und Farbe Einzug hielten. Während sich der Film insgesamt wenig an den Videospielen orientiert, übernehmen diese immer mehr dessen Techniken, damit sich die Spieler praktisch wie in einem Kinosaal fühlen können.
Die Schweiz
In der Schweiz besitzen mehr als 21% der Haushalte eine Videospielkonsole, und in 3 von 4 Wohnungen steht heute ein Computer. Zudem wird gemäss Umfragen in 14% der Haushalte mit einer Internetverbindung mindestens einmal pro Woche online gespielt. 2005 haben die Schweizer Haushalte fast 1,5 Milliarden Franken für das Spielvergnügen in den eigenen vier Wänden ausgegeben. Ein weiteres untrügliches Zeichen, dass das Videospiel in unserer Gesellschaft seinen festen Platz erobert hat: An Weihnachten 2006 gehörten Videospiele zu den drei meistverkauften Geschenkartikeln in der Schweiz, und der Trend setzte sich auch 2007 fort. Ein leichter Zugang zu den neuen Technologien, einfache Handhabung, grosse Auswahl und tiefer Kaufpreis sind die Faktoren, dank denen sich die Videospiele in den Privathaushalten durchsetzen konnten und zu einem allgemeinen gesellschaftlichen und familiären Vergnügen geworden sind.
Generell unterscheidet man zwei Spielertypen: Die leidenschaftlichen Spieler, die ihre Freizeit mehr oder weniger für diese Spiele opfern (die so genannten «Hardcore Gamers») und die Gelegenheitsspieler («Casual Gamers»). Während die erste Gruppe sich schon lange in Communitys oder Vereinen zusammengeschlossen hat, um ihrem Hobby zu frönen, liegt das Wachstumspotenzial mehr bei der zweiten Gruppe. Immer häufiger werden Videospiel-Abende für Personen organisiert, die nur wenig Erfahrung in diesen Spielen mitbringen.
Angetrieben von einer gemeinsamen Leidenschaft oder im Wissen, welchen Einfluss das Videospiel auf unsere Gesellschaft hat, sorgen zahlreiche private und staatliche Organe für die Erhaltung des Videospiel-Erbes in der Schweiz. Seit 1995 beherbergt das «Bolo’s Computer Museum» eine der grössten Computersammlungen der Schweiz mit mehr als 500 Geräten, von der Lochkartenmaschine bis zum Commodore 64, der das goldene Zeitalter des Videospiels in den 1980er Jahren prägte. Das Schweizer Spielmuseum in La Tour-de-Peilz ist das einzige offizielle Museum des Landes mit einer Dauerausstellung zur Geschichte des Videospiels von den Anfängen bis in die heutige Zeit. 2007 widmete das Museum der «Maison d’Ailleurs» eine Ausstellung dem Schweizer Künstler Christian Scheurer, der namentlich bei berühmten Spielen wie Final Fantasy IX oder Spore mitgearbeitet hat.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Videospiel daran, den ersten Platz der Freizeitvergnügen in unserem Land zu erobern. Trotzdem werden in der Schweiz praktisch keine Videospiele produziert: Die meisten Designer der Branche sind ins Ausland gegangen, um als Freelancer zu arbeiten oder in die dortige Grossproduktion einzusteigen. Möglicherweise ändert sich das jedoch in den nächsten Jahren: Erste ermutigende Anzeichen dafür sind die neue ESIJV (Ecole Suisse d'Imagerie Interactive et Jeu Vidéo in Vevey, eine Privatschule) oder die Niederlassung der Verwaltungszentren von Gesellschaften wie Electronic Arts und Take-Two in Genf.
Der vollständige Originaltext ist auf der französischen Version der Website verfügbar.