Von der fantastischen Kunst zur Science Fiction: das visionäre Werk des H. R. Giger
Nur wenige zeitgenössische Kunstschaffende faszinieren so wie H. R. Giger. Sein grafisches Werk, seine Skulpturen und Malereien sind in ihrer Art einmalig. Obwohl weniger bekannt als seine häufige Mitarbeit bei Filmen, sind sie Ausdruck einer persönlichen Welt, in der Giger zum Gestalter von unmöglichen Formen und fantastischen, alptraumhaften Welten wird. Während seiner ganzen Laufbahn als Künstler befasste er sich mit der Problematik des Menschen in der heutigen Zeit – insbesondere im technologischen Zeitalter –, was sich in der Suche mit verschiedenen plastischen Ausdrucksformen ausdrückte. Erfolgreich war er schliesslich dank der Erarbeitung eines Ausdrucksstils, der seinen Beitrag zur modernen Kunst einzigartig macht: der Biomechanik.
Seine Kunst brachte ihm grosse Bewunderung in der avantgardistischen Kultur und im Untergrund ein, wo er als Kultkünstler gilt. Sein Werk ist nicht hermetisch, ganz im Gegenteil: Es ist der ständigen Neuinterpretation unterworfen und steht in Bezug zu anderen aktuellen philosophischen und künstlerischen Diskursen. Zudem ist heute dank dem Siegeszug der digitalen Kultur, dem Kybernetik-Boom der letzten Jahrzehnte und dem visionären Charakter der Fragen, die Giger mit seiner Arbeit aufgeworfen hat, eine Neubeurteilung und -bewertung seines künstlerischen Diskurses in Gang gekommen.
Obwohl Giger als Künstler nicht leicht eingeordnet werden kann, ist seine Kunst verbunden mit Strömungen wie dem Surrealismus, dem Symbolismus oder dem Jugendstil, und man kann sein Werk in Europa neben den fantastischen Realismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellen. Es steht ausser Zweifel, dass Giger sich als einer der wichtigsten Vertreter der visionären Kunst und Motor der zeitgenössischen fantastischen Kunst profiliert hat. Zwei Faktoren prägten die Bildung der kreativen Fantasiewelt Gigers: Seine Obsessionen als Jugendlicher (seine Faszination für Waffen, Musik, Knochen und Totenköpfe) und seine Vorliebe für die Horrorliteratur.
Während seiner Künstlerlaufbahn führte er verschiedentlich spannende Dialoge mit anderen Künstlern des fantastischen Bereichs, vor allem mit Surrealisten wie Hans Bellmer, René Magritte und Max Ernst sowie ganz besonders mit Salvador Dalí, einem seiner wichtigsten Vorbilder, und nicht zu vergessen die Monsterwesen von Hieronymus Bosch und Ernst Fuchs. Noch stärker aber ist seine Beziehung zu den Künstlern, die sich in ihrem Werk mit dem Horror auseinandergesetzt haben. Wir denken dabei an den Beitrag von Francisco de Goya und seinen Pinturas Negras, an die Nachtzeichnungen von Alfred Kubin oder den existentialistischen Schrecken von Francis Bacon.
Trotz der vielen Filmprojekte, an denen er beteiligt war, kann seine Arbeit nur in vier Filmen bewundert werden: In Swiss Made 2069 (Fredi M. Murer, 1968), Alien (Ridley Scott, 1979), Poltergeist II (Brian Gibson, 1986) und Species (Roger Donaldson, 1995). Umgekehrt war sein Schaffen in Projekten mit grossem künstlerischem und konzeptuellem Anspruch gefragt, die nicht Erfolg hatten: Die missglückten Versuche einer Adaptation des Romans Dune von Frank Herbert (zuerst durch Alejandro Jodorowsky 1975, dann durch Ridley Scott 1980), für die Giger die Sandwürmer auf Arrakis sowie das Schloss Harkonnen und das Mobiliar entwarf, The Tourist (1982), für den er eine neue Art von Ausserirdischen schuf oder The Train (1989) und Dead Star (1990) in einem unabhängigeren Bereich.
Alien ist zweifellos einer der einflussreichsten Filme des modernen fantastischen Kinos. Der Erfolg dieser Produktion liegt sicher in der frappanten und beängstigenden Bildersymbolik, die sie ausstrahlt, Frucht der Arbeit von Giger, der für das ganze Konzept der ausserirdischen Umgebung verantwortlich war, vom Planeten über das Raumschiff und dessen Inneres bis zu den Entwicklungsphasen des Ausserirdischen.
Viele fantastische Filme sind von Gigers Universum beeinflusst, vor allem jene, die mörderische zwischenmenschliche Kreaturen in Alptraumwelten zeigen, wie Scared to Death (William Malone, 1980), Predator (John McTiernan, 1987), The Thing (John Carpenter, 1982), Galaxy of Terror (Bruce D. Clark, 1981), Deep Rising (Stephen Sommers, 1998) und Pitch Black (David Twohy, 2000). Eine Liste, die für sich spricht und das ganze Kino der letzten zwei Jahrzehnte abdeckt. Zu unterstreichen ist auch der Einfluss Gigers in den Filmen der Matrix-Serie (Andy und Larry Wachowski, 1999-2003), wo biomechanische Kreaturen und andere Wesen auftauchen, welche die visionären Prinzipien von Giger wieder aufnehmen.
Man kann Giger auch als einen der Pioniere der Konzeption und Entwicklung einer neuen künstlerischen Identität und postmodernen ästhetischen Sensibilität ansehen, die mit dem Ausdruck «Neues Fleisch», einem Begriff aus dem Film Videodrome (David Cronenberg, 1984), umschrieben wurden. Die Malereien von Giger, die Filme von Cronenberg, die Fotografien von Joel-Peter Witkin und die Texte von Clive Barker bilden zusammen eine Einheit von Visionen und Bildern eines Genres, in dem der menschliche Körper mit seiner chemischen und technologischen Veränderung – letztlich dem Zerfall des Fleisches – eine neue, auf dem Verstörenden beruhende plastische Schönheit darstellt.