Die Comics und das Kino
Die Geschichte der Comics ist auch eine Geschichte der wechselseitigen Beziehungen zum Medium Film. Und die Geschichte des Films als Zeitmedium kennt zahlreiche Beispiele von Beeinflussungen der bewegten Bilder durch, aber auch für das statische Raummedium Comic. Es wird da wie dort adaptiert im Medientransfer, Protagonisten der einen Kunst wechseln in die andere. Ein paar Streiflichter auf das Verhältnis von Comics und Film.
Comics und Film sind beide Kinder des ausgehenden 19. Jahrhunderts und werden praktisch gleichzeitig geboren. Und schon vor Beginn der durch die Gebrüder Lumière begründeten Filmära (1895) und vor dem offiziellen ersten Jahr (1896) der Comic-Geschichte wird quasi-filmisch erzählt. Am auffälligsten bei Wilhelm Busch, der gewisse filmtypische Gestaltungsweisen in seinen Bildergeschichten vorwegnimmt. Wie überhaupt frühe Comic-Künstler wie Winsor McCay Elemente der Filmsprache verwenden, bevor diese im Film selber Anwendung finden (subjektive Kamera, Montageprinzipien wie Schuss-Gegenschuss, «Kamerabwegungen» avant la lettre). Der Amerikaner Winsor McCay («Little Nemo») ist nicht nur Comic-Pionier, er gilt auch im Bereich des Animationsfilms als einer der frühen Repräsentanten (handkolorierter «Little Nemo»-Film 1911). Die erste Adaption eines «Comics» im Film ist «L’arroseur arrosé» von Lumière, uraufgeführt am 10. Juni 1895. Einer der frühesten Lumière-Filme, die wohl erste Komödie der Filmgeschichte und inspiriert von einem drei stumme Bilder zählenden Gag-Strip von Christophe aus dem Jahr 1889.
Oder Rodolphe Töpffer (1799–1846), Pionier im Bereich des Erzählens in Bildern. Eine seiner Bildgeschichten aus der ersten Hälfte des19. Jahrhunderts wird in den 1920er-Jahren zum 35-minütigen Zeichentrickfilm, produziert von den Genfern François Ehrenhold et Maurice Peyrot-Schlumberger, welche die Herstellung den Pariser Regisseuren Cavé und Lortac in Auftrag geben. So entsteht 1921 das Werk «L’Histoire du Monsieur Vieux-Bois». Das Filmische an Töpffers gezeichneten Werken wird schon früh erkannt, wie die Zeilen von Jean Choux vom 23. August 1920 belegen (zitiert von William Bernard in: «Devant l’écran. Chronique cinématographique», La Tribune de Genève, 17 janvier 1922):
«Il est une chose qu’on ignore que personne n’a jamais dite, c’ est que le précurseur, l’homme de génie qui, près d’un siècle avant tous les grands scénaristes ou metteurs en scène français ou américains, inventa et mit au point la formule du cinéma est un citoyen genevois. Ce Genevois s’appelait Rodolphe Töpffer. Il a écrit et illustré une série de scénarios tels que jamais peut-être on n’en verra de meilleurs, de mieux combinés, de plus adéquats à la technique et aux ressources de l’écran. Ces délicieuses fantaisies… sont des films où rien ne manque, où il n’y a pas un geste, pas une scène, pas un mot à retrancher ou à ajouter. Il n’y a plus qu’à tourner.»
Auf das Naheliegende, nämlich Töpffer als geeignete Vorlage zu verfilmen, weist auch eine zeitgenössische Besprechung des Zeichentrickfilms hin:
«(...) il y a dans les albums – qui ne sont point, je vous prie, des caricatures, mais des histoires – une action pétulante, une verve et une imagination avec lesquelles peu d’auteurs de ciné peuvent rivaliser.» («Menus propos. Töpffer au cinéma», Journal de Genève, 11 décembre 1921).
Es geht in der weiteren Geschichte von Film und Comic munter hin und her, vom einen Medium zum anderen. Bevor er seinen «Popeye» erschafft, zeichnet E.C. Segar Strips mit Chaplin-Gags, die «Popeye»-Comics werden zu Zeichentrickfilmen und spät, 1980, von Robert Altman zu einem Realfilm gestaltet. Micky Maus erblickt im Zeichentrickfilm «Steamboat Willie» (1928) vor seiner Existenz als Comic-Figur 1930 das Licht der Welt; dito Donald Duck, der 1934 als bewegte Figur beginnt und erst zwei Jahre später Comic-Held wird.
Weiteres Moment: Filmgrössen mit einem Flair für die gezeichnete Geschichte. Bekannt ist, dass der russische Meisterregisseur Sergej Eisenstein in der Zeitung «Satirikon» 1917 als 19-Jähriger eine 30 stumme gezeichnete Bilder umfassende, comic-ähnliche Geschichte publizierte und auch als Bewunderer von Walt Disneys Zeichentrickfilmwelt galt. Der nachmalige amerikanische Komödien-Regisseur Frank Tashlin hat in jungen Jahren, mit 21, angefangen, Comics zu zeichnen und hat in den Zeichentrickstudios von Warner gearbeitet. Federico Fellini bekannte sich als grosser Comic-Fan; er hat, wenn auch nicht zeichnend, sondern textend, vor dem Zweiten Weltkrieg amerikanische Strips wie «Flash Gordon» und «Mandrake» ins Italienische übertragen. Und sich das Filmplakat zu «E la nave va» vom Franzosen Jacques Tardi zeichnen lassen. Alain Resnais, ein Pionier der theoretischen Beschäftigung mit den Comics, hat gewisse Einstellungen in seinem Film «L’année dernière à Marienbad» (1961) gezeichneten Comic-Bildern nachempfunden. In «I Want To Go Home» (nach einem Drehbuch von Jules Feiffer, 1989) macht er die Comic-Welt zum Stoff eines Films. In «La vie est un roman» (1983) arbeitete er mit Enki Bilal zusammen. Der Comic-Zeichner war für die Kostüme und Ausstattung (Hinterglasmalerei-Dekor) verantwortlich.
Comic-Zeichner hinter der Kamera
Enki Bilal gehört in die Reihe jener Comic-Zeichner, die zum Realfilm wechseln als ihr eigener Regisseur, sei das ein dem eigenen Zeichen-Universum nahen Stoff oder sei es die Adaption eines originalen Comic-Stoffes. So realisiert Regisseur Bilal die Filme «Bunker Palace Hôtel» (1989),) «Tykho Moon» (1996) und «Immortel» (2004).
Weitere Namen von Comic-Vertretern in der Filmwelt: Patrice Leconte (u. a. «Les Bronzés», 1978); «Le Mari de la coiffeuse», 1990); Gérard Lauzier («P’tit Con», 1984); Martin Veyron («L’ Amour propre ne le reste jamais très longtemps, 1985), F. Tullio Altan (Realverfilmung «Ada dans la jungel», 1988); Milo Manara (Drehbuch zu seiner Comic-Adaption «Le Déclic», 1985), Peyo, Uderzo, Wolinski, Régis Franc und viele weitere.
Comic-Szenarist Jean-Pierre Jeunet, der ab 1978 mit Marc Caro Zeichentrickfilme realisierte, wird als Regisseur mit «Delicatessen» (1991) Furore machen und danach ein bewährter Name nicht nur des französischen Kinos werden («Alien: Ressurrection», 1997; «Le Fabuleux destin d'Amélie Poulain, 2001). Jean Van Hamme ist in beiden Welten als Szenarist zuhause. Für Jean-Jacques Beineix liefert er das Drehbuch für den originalen Stoff «Diva» (1981), und er war besorgt für die Drehbücher zu den Verfilmungen seiner eigenen Comic-Stoffe wie «XIII»und «Largo Winch». Jean Giraud (Moebius), der sich für seinen Comic-Protagonisten Blueberry physiognomisch an Jean-Paul Belmondo orientierte (wie sich der Italiener Guido Crepax für seine Figur Valentina beim Stummfilmstar Louise Brooks anlehnte), hat stilbildend für den Disney-Film «Tron» (1982) gewirkt und im Art Department für «Alien» (1979) mitgearbeitet. Im Comic-Fach kollaborierte Moebius mit dem Szenaristen Alejandro Jodorowskj, der seinerseits vom Regisseur einer Reihe von Kultfilmen («El Topo», «Montaña Sagrada», 1970 bzw. 1973) zum Comic-Texter u. a. für Moebius («L’Incal») wechselte.
Ein exemplarischer Fall für die verschiedenen Spielarten von Film-Comic-Bezügen bildet der Name Luc Besson. Der französische Regisseur hat für den Look seines Science-Fiction-Streifens «The Fifth Element» (1997) nicht nur auf die designkünstlerische Hilfe von Comic-Zeichner Jean-Claude Mézières (und auch: Christian Scheurer) zählen können. Für die Filmadaption des Comic-Klassikers «Michel Vaillant» (2003) beteiligte sich Besson als Co-Drehbuchautor. Im Januar 2008 konnte Besson verkünden, dass er sich die Verfilmungsrechte an der Serie «Adele Blanc-Sec» von Jacques Tardi gesichert hat (3 Filme, erster Filmstart 2009). Ebenfalls Anfang 2008 wurde bekannt, dass sich Luc Besson als Co-Aktionär am Verlag «Septième choc» beteiligt, einem Verlag, der sich hauptsächlich um die Publikation von Werken noch unbekannter junger Comic-Talente kümmert. Im Programm unter anderem zu finden: Eine Comicadaption des Films «Taxi» (1998), an dem Luc Besson als Co-Produzent und Drehbuchautor mitwirkte.
Schweizer Beispiele
Es wäre nicht nur zu berichten, wie zahlreiche Schweizer Namen mit dazu beitragen, Hollywood-Produktionen in verschiedenen Bereichen mitzugestalten: HR Giger (Design «Alien»), Christian Lorenz Scheurer (Production Design «The Fifth Element»), Produzent Arthur Cohn, Kameramänner wie der Zürcher Ueli Steiger (*1964; «The Day After Tomorrow») oder der Basler Martin Fuhrer (*1956, «Lord Of The Flies»), der in der Schweiz aufgewachsene gebürtige Sizilianer Pietro Scalia (*1960; Schnitt; «JFK», «Gladiator») und natürlich Regisseur Marc Forster (*1969), der nach dem Durchbruch mit «Monster’s Ball» (2001) im Jahr 2008 den 22. Bond-Film «Quantum Of Solace» vorlegt.
Es ist zuletzt von Schweizer Namen zu berichten, die vom eigentlichen Comic kommen und (auch) den Weg zum Film finden. Umgekehrt verhält es sich gerade beim Genfer Gérald Poussin (*1946), der mit Zeichentrickfilmen anfing, bevor er mit Comics (und vielen weiteren Dingen wie Theater, Wandmalerei, Möbeldesign, Plakatgrafik) anfing. Als Illustrator und Comic-Zeichner mit seinem unverwechselbaren Look (in der Schabkartontechnik) gehört der Zürcher Thomas Ott (*1966) zu den wenigen international renommierten Schweizer Vertretern. Bereits während seines Grafik-Studiums (1983–1987) hat Ott im Rahmen eines Praktikums beim Genfer Trickfilmstudio GDS einen ersten Animationsfilm realisiert («La grande illusion», 1984). Es folgte der Zeichentrickfilm «Robert Creep – une vie de chien» (1993). Von 1998 bis 2001 absolvierte Ott ein weiteres Studium im Bereich Film an der Fachhochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich). Der Zeichner ist hier auch zum Regisseur von Realfilmen geworden, die den Geist seiner makabren Comic-Geschichten atmen.
Als Autodidakt hat der Luzerner Jonas Raeber (*1968), ausgebildeter Primarlehrer, schon in Teenager-Jahren mit Comiczeichnen angefangen (u.a. die längste Firmengeschichte der Welt, 1986). Seit 1990 gehört er zu den wenigen Schweizer Namen, die im Bereich Zeichentrickfilm immer wieder internationale Anerkennung finden. Im eigenen Studio «SWAMP» realisiert und produziert Raeber eigene und fremde Filme. So etwa zwischen 2004 und 2006 mehrere Folgen der satirischen Serie «W.O.W.» im Auftrag des Schweizer Fernsehens SF in Zürich.
Comic-Zeichner und Trickfilmer ist der in Luzern geborene, in Zürich lebende Claudius Gentinetta (*1968), ausgebildet als Grafiker und Trickfilmer. Verschrobene Bildwelten hier wie da, im Comic und im Animationsfilm, nur schon der Strich verbindet die verschroben-düstere Atmosphäre im einen wie anderen Medium. Nach einem Film wie «Poldek» (2004, von Jonas Raeber produziert) realisierte er zusammen mit Frank Braun den Streifen «Die Seilbahn» (2008).
(Mit Dank an Cuno Affolter, Lausanne, für wertvolle Hinweise)
Literatur
Cinéma et bande dessinée. CinémAction HS. Editions Scorlet, Condé-sur-Noireau, 1990
Cosandey, Roland: Langages et imaginaire dans le cinéma suisse d’ animation, avec un répertoire de la production. Groupement suisse du film d’animation, Etagnières 1988
Edera, Bruno: Histoire du cinéma d’animation suisse, Lausanne, 1978 (Travelling, n° 51–52 / Documents Cinémathèque suisse, été 1978)
Lacassin, Francis: Pour un neuvième art, la bande dessinée. Slatkine. Genève-Paris 1981 (1971), Bande dessinée et cinéma, 344–458
Monsieur Vieux-Bois et le cinéma: trois Documents, in: Bulletin de la Société d'études töpffériennes, n°34, octobre 2004, 2–7
Moscati, Massimo: Comic und Film. Ullstein, Frankfurt am Main-Berlin 1988 (original: I predatori del sogno, Dedalo spa, Bari 1986)
Tibéri, Jean-Paul: La Bande dessinée et le Cinéma. Regards, Paris 1981