Ein Stück
Schweizer Comic-Verlagsgeschichte der 1930er-Jahre
Im Dezember 1936 erschien die erste deutschsprachige «Micky Maus»-Zeitschrift
im Bollmann-Verlag in Zürich. Warum aber gerade in der Schweiz
und nicht in Deutschland, wo doch schon in den frühen Dreissigerjahren
Disney-Bücher erschienen waren?
Die Antwort finden wir in den Geschichtsbüchern. In seinem Tagebuch
notierte Hitlers Propaganda-Minister Joseph Goebbels am 22. Dezember
1937: «Ich schenke dem Führer 18 Micky-Maus-Filme zu Weihnachten.
Er freut sich sehr darüber.» Doch obwohl Hitler und Goebbels
selbst insgeheim Spass an Zeichentrickfilmen von Walt Disney hatten
(*), war die Maus als Produkt der USA im damaligen Deutschland offiziell
unerwünscht.
Disney-Material aus Italien und Frankreich
Eines Tages entdeckte Ernst Bollmann in Benito Mussolinis Italien die
italienischen Micky-Maus-Zeitschrift «Topolino» im Zeitungsformat.
Am 11. November 1936 berichtete die angesehene, bürgerliche «Neue
Zürcher Zeitung» folgendes über die bereits durch die
Zeichentrickfilme berühmte Maus: «Jedermann kennt die Mickey
Mouse und lacht darüber; und doch handelt es sich um eine ernsthafte
Angelegenheit. Mickey Mouse ist lediglich eine besondere Gestalt, die
dem schöpferischen Hirn Walt Disneys entsprungen ist, durch seine
fleissige Hand zu Papier gebracht wurde und als Film in den Kinotheatern
aller Erdteile ihr tolles Wesen treibt.» Diese Mickey Mouse sollte
unter dem eingedeutschten Namen Micky Maus dem Bollmann-Verlag über
die schlechten wirtschaftlichen Zeiten hinweghelfen.
Die Wege der Lizenznahme waren indes verworren und sind nicht mehr lückenlos
zu rekonstruieren. Wahrscheinlich wurden bei Disney in Paris die Hauptlizenzen
und bei Mondadori in Italien die Unterlizenzen erworben. Zwar keinen
Beweis für diese Annahme, aber zumindest einen Hinweis darauf finden
wir im 1936 erschienenen Bollmann-Buch «Micky Maus in Afrika».
Im Impressum wird nämlich auf das «Copyright by Walt Disney
Mickey Mouse S.A., Paris» hingewiesen. Dieses Buch kostete 1936
noch Fr. 1.50 und war damit das billigste der insgesamt sieben Micky-Maus-Wunderbücher.
Schliesslich hat es auch keine dreidimensionalen Aufstellbilder (Pop-ups)
oder Figuren zum Heraustrennen wie die anderen, teureren Wunderbücher.
Zeitung als Werbung für Bücher
So erschien die erste deutschsprachige Probenummer im Format von 37
x 28 cm in der neutralen Schweiz. Josy Priems, eine gute Bekannte der
Bollmanns, übersetzte die Geschichten aus dem Italienischen. Sie
startete mit einem Taufwettbewerb. Gesucht waren Namen für die
verschiedenen Tiere: den Enterich, den Maulesel, das Huhn, den Elefanten
.... Als Preise wurden Artikel der Werbeinserenten der ersten Stunde
versprochen: Schuhe aus dem renommierten Haus Bally, ein Ski-Kostüm
der Konfektionsfirma P.K.Z. oder Spielzeug aus dem Spielwarengeschäft
Franz Carl Weber. Diese Probenummer kostete 25 Rappen und ist mit verschiedenen
Werbeaufdrucken versehen.
Die «Micky Maus»-Zeitung diente als Werbung für die
teuren Bücher, die denn auch in vielen Ausgaben der «Micky
Maus»-Zeitung abgebildet waren. In der Probenummer wurde sogar
ganzseitig Werbung für «das lebende Buch der Micky Maus»
gemacht. Das Titelblatt der Probenummer war eigens für diese Ausgabe
gezeichnet. Es zeigt die Micky-Maus-Familie, direkt aus Hollywood kommend,
bei ihrer Ankunft am Zürcher Hauptbahnhof. Der etwas unsichere
Zeichenstil verrät, dass da kein Profi, sondern eher ein Familienmitglied
der Druckerfamilie Bollmann am Werk war. Das war billiger, als für
ein bestehendes Titelblatt die hohen Copyright-Gebühren zu bezahlen.
Auf Seite 2 der Probenummer wurde Walt Disney abgebildet und als Schöpfer
der Micky Maus vorgestellt. Den Mittelteil bildete die Geschichte «Ein
übereifriger Helfer» mit Donald und Micky. Die Rückseite
zierte eine frühe, farbige «Micky Maus»-Seite, die
eigentlich nur den Abschluss einer mehrseitigen Geschichte bildete,
die einer italienischen «Topolino»-Vorlage entnommen war.
Mitte Januar 1937 wurden in der Nummer 1 der «Micky Maus»-Zeitung
die neuen deutschen Namen der Tiere bekannt gegeben. Auf der ersten
Innenseite war die Auflösung des Tauf-Wettbewerbs im Rahmen eines
«Tauf-Fests» nachzulesen. Donald Duck wurde Schnatterich
getauft, und Goofy war damals Muli (der Maulesel). Der Elefant wurde
Jumbo genannt, wohl in Anlehnung an seinen amerikanischen Namen Dumbo.
Eine Zeitung im Zweiwochentakt
Die Zeitungen kamen ab der Nr. 1 14-täglich auf den Markt. Bis
Nr. 4 kopierte der Bollmann Verlag bestehende Titelbilder aus den englischen
«Mickey Mouse Weekly». Ab Nr. 5 stieg der Preis auf 30 Rappen,
und man änderte die Titelbildstrategie, indem man ein zu Ostern
passendes Titelbild aus dem Film «Silly Symphonies» wählte,
mit dem gleichzeitig Werbung für die Schokolade-Firma Lindt- &
Sprüngli gemacht wurde.
Ab Nr. 6 wurden die wunderschönen, einzigartigen Bilder dann grossformatig.
Diese Titelbilder stammen teilweise aus den ersten amerikanischen «Mickey
Mouse Magazines» der frühen Dreissigerjahre und wurden vereinzelt
mit dem Spruch «Die Welt voll Witz und Wissen» ergänzt.
Gleichzeitig fanden sich hier auf den Rückseiten neu gezeichnete
Bilder, etwa das «Zürcher Sechseläuten», ein alter
Zürcher Brauch. Die letzte derartige Rückseite ziert die Nr.
9 mit dem Titel «Jn China».
Die Rechnung ging für den Bollmann-Verlag nicht auf. Er blieb auf
den teuren Wunderbüchern sitzen, und die «Micky Maus»-Zeitung
wurde mit der Nr. 18 im September 1937 eingestellt. Micky verabschiedet
sich in dieser letzten Ausgabe wie folgt: «Wenn diese Zeitung
in Eure Hände kommt, bin ich schon längst über alle Berge.
Die skandinavischen Kinder hoch oben im Norden wollen auch eine ‹Micky
Maus›-Zeitung haben und luden mich ein zum Eröffnungsfest.
Auf dieser Reise werde ich alle übrigen deutschsprechenden Länder
aufsuchen und mich nach neuen Freunden umsehen, damit dem umfangreichen
Bildermaterial aus den Ateliers meines Freundes Walt Disney grössere
Verbreitung verschafft werden kann, vielleicht in einer wöchentlichen,
umfangreicheren Herausgabe der ‹Micky Maus›-Zeitung. Hoffentlich
gelingt es mir trotz der Grenzsperren.» Im Klartext heisst das,
dass die Bollmanns Abnehmer oder Unterlizenznehmer im Dritten Reich
und in Österreich suchten.
Nächste «Micky Maus» erst wieder 1951
Micky polterte zum Abschied auch noch gegen die Staatsabgaben: «Doch
müsst Ihr auch bedenken, dass eine Zeitung viel Geld kostet und
die Schweiz nur ein kleines Land ist, das der Verbreitung eines Blattes
durch Taxen und Polizeiverordnungen weit mehr Schwierigkeiten in den
Weg legt als andere Länder.» Und er schloss mit den missionarischen
Worten: «Ich weiss, dass nicht alle Menschen gerade jetzt guter
Laune und ohne Sorgen sind; um so mehr müssen wir Jungen trachten,
Freude und Fröhlichkeit ins Dasein zu bringen. Nehmt Euch dies
täglich vor, Ihr meine lieben Freunde; es ist dies auch die Mission
Eures Micky.» In einem Abschiedszettel, der vermutlich als Beilage
der letzten Ausgabe allen Abonnenten zugestellt wurde, hiess es prophetisch:
«... dass wahrscheinlich noch geraume Zeit vergehe, bis der Traum
verwirklicht werden könne, eine umfangreichere, wöchentlich
erscheinende und billigere Zeitung für das ganze deutsche Sprachgebiet
herauszubringen ...»
Die Micky Maus erschien nach dem Krieg erst wieder ab September 1951
in einer eigenen deutschen Zeitschrift. Sie erscheint heute immer noch.
(*) Carsten Laqua: Wie Micky unter die Nazis fiel, Rowohlt Taschenbuch
Verlag, Reinbek, 1992
Text: Jürg Moser (2005)
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