In der jüngeren
Schweizer Comic-Geschichte sind sie immer wieder anzutreffen: Literaturadaptionen.
Von einem Medium ins andere geht der Transfer, wenn geschriebene Sprache
übersetzt wird in die gezeichneten Bilder und Texte der Comics.
Schweizer Comic-Zeichner greifen nicht selten auf Stoffe der Schweizer
Literatur zurück. Dabei verdichten und verkürzen sie selbstverständlich
die originalen Literaturvorlagen, gewinnen diesen aber im neuen Medium
andere, neue Qualitäten ab. Die Comic-Künstler reizt ein literarischer
Stoff, der auf eigensinnige Art umgesetzt werden kann. Durch die Bilder
evozieren Comics auf unmittelbarere Weise Stimmungen und Atmosphären
als die geschriebenen Texte. Zwei Effekte können sich grundsätzlich
bei Literaturadaptionen einstellen: Das Literaturpublikum lässt
sich für die Qualitäten des Mediums Comic sensibilisieren,
und umgekehrt werden Liebhaber von Comics durch die Adaption zur Literatur
hingeführt. Interessanterweise sind es vielfach anspruchsvolle
Bücher aus dem Genre des Krimis, die im Comic adaptiert werden,
allen voran die beiden grossen Schweizer Schriftsteller Friedrich Glauser
und Friedrich Dürrenmatt.
Der Fall Glauser
Er beschäftigt sich am produktivsten mit der Adaption und Interpretation
von Schweizer Literatur: Hannes Binder aus Zürich.
Durch die Illustration der Buchumschläge einer Neuausgabe der Werke
von Friedrich Glauser (1896–1938) war er darauf
gekommen, Texte des Schweizer Autors in den Comic zu übersetzen.
Seither hat seine Beschäftigung mit Glauser geradezu «obsessive»
Ausmasse angenommen. Vor allem angetan haben es Binder die Romane und
Erzählungen, die literarischen Kriminalromane rund um Wachtmeister
Jakob Studer, den etwas eigensinnigen Polizisten, Rotweintrinker und
Brissagoraucher. 1988 adaptierte er Studers vierten Fall, «Der
Chinese» (Original 1937/1938). Der letzte und sechste Fall, «Krock
& Co.» (1937) wurde durch Binder 1990 zum Krimi-Comic. Glauser,
der erst lange nach seinem Tod als bedeutender Schweizer Autor gewürdigt
wurde, bot in seinen Krimis mit Wachtmeister Studer nicht nur Spannung
und Unterhaltung, sondern vermittelte dezidiert auch Sozialkritik, indem
er etwa die kleinen Leute ins Zentrum stellte. In seinen Comics hat
es Hannes Binder nicht bei der grafisch äusserst stimmigen Adaption
(Schabkartontechnik) belassen. In «Glausers Fieber» (1998)
geht er weiter und verbindet Faktisches mit Fiktionalem: «Die
Lektüre des Romans ‹Fieberkurve› bestärkte mich
in der Überzeugung, dass eine Umsetzung nur dann sinnvoll sein
würde, wenn ich Glausers Biographie, seinen Frankreichaufenthalt
und die schriftstellerische Arbeit mit der Fiktion, in die sie eingehen,
konfrontiere und vermische: Das Ganze ein einziger Fiebertraum, in den
hinein immer wieder Fragmente aus der Realität – Briefstellen,
Tagebuchaufzeichnungen – eindringen, die ich dann mit eigentlich
filmischen Mitteln wie Überblendungen einfüge, und so die
‹Fieberkurve› zu einer einzigen Collage verarbeite.»
(Hannes Binder)
Comic-Vorlagen von Dürrenmatt
Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) ist neben
Max Frisch (1911–1991) einer der wichtigsten Schweizer Autoren
der Nachkriegszeit. Seine «philosophisch-moralischen» Kriminalromane
sind wiederholt zu Comics geworden. «Der Richter und sein
Henker» (Roman: 1950/1952; Comic:1988) entstand im Unterricht
eines Berner Gymnasiums. Akribisch wurden die Handlungsorte und die
Zeitumstände (des Jahres 1948, in welchem der Roman spielt) für
die bildliche Umsetzung rekonstruiert. Der Text im Comic besteht aus
Originalzitaten. Dieselbe Schule machte sich später auch an Dürrenmatts
«Der Verdacht» (Roman: 1952, Comic: 1993).
Auch hier wurde eine dokumentarische, detailgetreue Atmosphäre
angestrebt. Die philosophischen Reflexionen des Romans setzten die Schüler
im Comic mit ganzseitigen Bildern um, die sich wiederum an den malerischen
Arbeiten von Dürrenmatt orientieren.
1932 erschien der Roman «Farinet ou la Fausse Monnaie»
von Charles Ferdinand Ramuz (Lausanne, 1878–1947),
die Geschichte des gleichnamigen anarchischen Falschmünzers und
Freiheitshelden aus dem Wallis, der sich gegen die staatliche Obrigkeit
auflehnte und als eine Art «Robin Hood» die Armen beschenkte.
Ein populärer Stoff, der bald auch zum Film wurde (1939, Regie:
Max Haufler). Als Figur taucht Farinet auch im zweibändigem Comic
«A la recherche de Peter Pan» (1984/1985) von Cosey
auf. Ein fiktiver Schriftsteller spielte darin ebenfalls eine Rolle,
und zusätzlich verwob Cosey seine Fiktion mit Motiven aus «Peter
Pan» von James Matthew Barrie (1860–1937). 1989 sodann spannten
der Walliser Comic-Zeichner Simon (Tschopp) und der
Szenarist Daniel Varenne (Paris) zusammen, um eine
eigentliche Comic-Version von Ramuz’ «Farinet» zu
realisieren.
Ursula Fürst adaptierte 1990 den Roman «Die Ballade
von der Typhoid Mary» (1982) des Schweizer Schriftstellers Jürg
Federspiel (die Geschichte der Schweizer Auswanderin Maria
Caduff im New York des späten 19. Jahrhunderts). Sie verdichtet
die literarische Vorlage mit typischem Pinselstrich und Grautönen
zum stimmungsvollen Comic.
Als Auftrag des renommierten Literaturverlags Artemis & Winkler
entstand in einjähriger Arbeit «Die Abenteuer des
Odysseus» (1992) von Frida Bünzli
(Debra Bühlmann-Drenten). Sie verdichtet das antike Epos von Homer
auf 96 Comic-Seiten, wobei der Zugang zum Stoff auf komische Art geschieht.
Die Erzählperspektive ist weiblich, weil Frida Bünzli das
Geschehen von Nausikaa, Odysseus’ Wohltäterin, berichten
lässt. Weltliteratur einmal ungewöhnlich anders.
Kritischer Blick aus Frankreich
Als überaus wichtig, um unsere Zeit zu verstehen, erachtete das
französische Brüderpaar Alex (Zeichnungen)
und Daniel (Texte) Varenne den autobiografischen Text
«Mars» (1976) des Zürcher Autors Fritz
Zorn (Pseudonym für einen an Krebs erkrankten Sohn aus
dem Zürcher Grossbürgertum; eigentlich Fritz Angst). Sie machten
sich an eine Adaption des Buches, welche die Komplexität des Ganzen
nicht treu wiederzugeben versuchte. Vielmehr wollten die Brüder
Varenne (auf 27 Seiten) eine Hommage gestalten, ein Zeugnis in Comic-Form
geben, das auf die literarische Vorlage aufmerksam macht. Weil ihr Werk
«Angst und Zorn» (1986 zuerst auf Deutsch erschienen: 1986,
aus Anlass von «10 Jahre nach ‹Mars›; französisch
als «Angoisse et Colère» 1988) in den Details stimmig
sein sollte, begnügten sich die Varennes nicht damit, von Paris
aus die literarische Vorlage – woraus sie im Comic originale Textpassagen
verwendeten – einfach im Bildermedium zu adaptieren. Sie reisten
vielmehr nach Zürich und rekognoszierten die Schauplätze mit
Fotoapparat und Zeichenblock. Zusätzliches Dokumentationsmaterial
zur Figur des Autors beschafften sie sich bei Bekannten und Zeitzeugen
des Verstorbenen. So entstand 10 Jahre nach dem Buch eine zwar eigenwillige,
aber gelungene Umsetzung. Mit ihrer Arbeit verbanden die Varennes die
Absicht, ein kritisches Schweiz-Bild zu zeichnen, ausgehend von der
These, dass die reiche Geldgesellschaft krank mache.
Theaterstücke, Hörspiele, Bilderbücher, Real- und Zeichentrickfilme,
Musicals und eine Oper gab es schon – da konnte natürlich
auch der Comic nicht fehlen, wenn es um eine der international bekanntesten
Romanfiguren geht. In ihren beiden «Heidi»-Romanen
(1880/1881) erzählt die Schriftstellerin Johanna Spyri
(1827–1901) vom Waisenmädchen Heidi, das beim Grossvater
(Alpöhi) in den Schweizer Alpen aufwächst und später
der körperlich behinderten Tochter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie
aus Frankfurt neuen Lebensmut gibt. Zahlreiche internationale Adaptionen
des «Heidi»-Stoffes als Comic in vielen Sprachen zeugen
davon, wie bekannt und beliebt die Schweizer Jugendroman-Figur in der
ganzen Welt ist.
Gezeichnete Weltliteratur
Eine besondere, extravagante Form der Literaturadaption im Comic stellt
die Reihe ««Comic-Zeichner interpretieren Werke
der Weltliteratur» dar, die 1991 bis 1993 in «Das
Magazin» des «Tages-Anzeiger» in Zürich erschien.
Jedem der weltliterarischen Werke wurde dabei exakt eine einzige Seite
eingeräumt. Internationale bekannte Comic-Künstler beteiligen
sich am Projekt ebenso wie namhafte Schweizer Comic-Schaffende: Thomas
Ott (Carrolls «Alice im Wunderland», Wildes «Das Bildnis
des Dorian Gray», Bradburys «Der illustrierte Mann»),
M.S. Bastian (Becketts «Warten auf Godot»; Dürrenmatts
«Der Tunnel»), Noyau (Castanedas «Reise nach Ixtlan»;
Kerouacs «Unterwegs»), Mix & Remix (Diderots «Jacques
der Fatalist», Cervantes’ «Don Quichote»), Ursula
Fürst (Jean Pauls «Dr. Katzenbergers Badereise»; Twains
«Eine Rigibesteigung»), Schuler/Caprez (Shakespeares «Macbeth»,
«Romeo und Julia», «Hamlet», «Die Zähmung
der Widerspenstigen»), Frida Bünzli (de Costers «Eulenspiegel»)
und Gefe (Sartres «Der Ekel»). Weltliteratur kurz und witzig.
Bibliografie (Auswahl):
Hannes Binder:
Friedrich Glauser. Der Chinese. Krimi-Comic, Arche-Verlag, Zürich
1988, ISBN 3-7160-2067-2
Friedrich Glauser. Krock & Co. Krimi-Comic, Arche-Verlag, Zürich
1990, ISBN 3-7160-2115-6
Friedrich Glauser. Knarrende Schuhe. Bilder-Krimi, Arche-Verlag, Zürich
1992, ISBN3-7160-2155-5
Dichterwort vor Ort, Zytglogge Verlag, Bern 1993, ISBN 3-7296-0459-7
Wachtmeister Studer im Tessin. Eine Fiktion, Zytglogge Verlag, Bern
1996, ISBN 3-7296-0533-X
Glausers Fieber, Limmat Verlag, Zürich 1998, ISBN 3-85791-316-9
Eine Melodie, die der Kommissär schon einmal gehört hatte
..., Limmat Verlag, Zürich 2002, ISBN 3-85791-383-5
Frida Bünzli: Die Abenteuer des Odysseus, Artemis & Winkler,
Zürich 1992, ISBN 3-7608-1079-9
Cosey: A la recherche de Peter Pan, 1 + 2, Lombard, Paris 1984/1985,
ISBN 2-8036-0456-6/2-8036-0497-3; Auf der Suche nach Peter Pan, 1 +
2, Carlsen, Reinbek 1987/1992, ISBN 3551027226
/ 3551027234 / 355102720X
Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Comic auf der
Grundlage des Romans, Städtisches Literargymnasium Bern-Neufeld,
Kernfach Zeichnen, Zytglogge Verlag, Bern 1988, ISBN 3-7296-305-1
Friedrich Dürrenmatt: Le juge et son bourreau. Bande dessinée
tirée du roman, Favre, Lausanne 1989, ISBN 2-8289-0436-9
Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht. Comic auf der Grundlage des
Romans, Städtisches Literargymnasium Bern-Neufeld, Kernfächer
Deutsch und Zeichnen, Edition Exodus, Luzern 1993, ISBN 3-905575-79-5
Ursula Fürst: Die Ballade von der Typhoid Mary. Nach einem Roman
von Jürg Federspiel, Edition Moderne, Zürich 1990, ISBN 3-907010-49-3
Féle Loser: Friedrich Dürrenmatt. Der Besuch der alten Dame.
Comic, auf der Grundlage der dramatischen Komödie vollends überarbeitete
Zweitfassung, Dietschi-Verlag, Olten 1998, ISBN 3-9520203-9-7
Irene Mahrer-Stich (Hg.): Alice im Comicland. Comic-Zeichner präsentieren
Werke der Weltliteratur, Edition Moderne, Zürich 1993, ISBN 3-907010-73-6
(Thomas Ott, Lorenzo Mattotti, M.S. Bastian, Mary Fleener, Kamagurka,
Noyau, Kim Deitch, Mix & Remix, Loustal, Ursula Fürst, Ben
Katchor, Schuler/Caprez, Bernd Pfarr, José Muñoz, Frida
Bünzli, Julie Doucet, Gefe)
Simon (Tschopp)/Daniel Varenne: Farinet. Edition Kesselring, Lausanne
1989
Tom Tirabosco: L’Emissaire (d’après une nouvelle
de Ray Bradbury), Papier Gras, Genève 1998
Alex und Daniel Varenne: Angst und Zorn, in: Angst und Zorn. «Mars»
– zehn Jahre danach, Strapazin-Sonderheft/Edition Moderne, Zürich
1986, ISBN 3-907010-25-6
Alex et Daniel Varenne: Angoisse et Colère, Casterman, Tournai
1988, ISBN 2-203-33441-X
Text: Urs
Hangartner (2005)
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